15. Mai 1994

Meine Großmutter schreibt Judith, einer Bekannten, dass sie den Sommer im Häuschen verbringen wird. Mein Bruder war einige Tage zuvor bei ihr und hat ihre Wohnung gestrichen. Sie ist etwas betrübt über seine Situation, da er keine Arbeit hat und etwas hilflos in den Seilen hängt. Er fährt häufig noch nach Polen, an seinen ehemaligen Studienort und besucht dort seine kolumbianische Freundin. Mit der bevorstehenden Hochzeit der beiden versucht sie sich gedanklich anzufreunden. Sie erzählt über Leipzig, ihren Wohnort und wieviel derzeit gebaut wird und dass das Pflaster zu Kaiserzeiten besser war (da hat sie natürlich noch nicht in Leipzig gewohnt). Empört widmet sie eine halbe DIN-A4-Seite Trabalski und Dr. Schneider. Wie solche „Wundermänner“, „Alleskenner“, „Millionen-Schöpfer“ (vielleicht meint sie „Schröpfer“) ihr Geld bei Banken ergaunern und sich später in Luft auflösen. Sie erwähnt häufig Gott (er wird vermutlich in jedem weiteren Brief einen tragende Rolle spielen) und dass man ihm danken muss, wenn die Menschen Arbeit haben. Es beruhigt sie, dass mein Vater und meine Tante Arbeit haben, auch wenn die beiden deswegen sehr wenig Zeit für sie haben. Sie ist ein wenig beunruhigt, ob sie auf Dauer alles wird alleine schaffen können und fügt sofort hinzu, auf keinen Fall in einem Altersheim landen zu wollen, die Einsamkeit sei ihr lieber.

Meine Anmerkung: Danke für diesen guten Morgen.

2 Gedanken zu „15. Mai 1994

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